Offener Brief an Michael Neumann zu den Vorfällen rund um den Schweinske-Cup

An den Senator der Behörde für Inneres und Sport der Freien und Hansestadt Hamburg, Michael Neumann
Per E-Mail

Lieber Michael Neumann,

seit Tagen verfolge ich als Juso-Landesvorsitzender in Berlin und Mitglied des FC St. Pauli mit Entsetzen die Vorgänge rund um die Eskalationen beim Schweinske-Cup am 6. Januar 2012. Bei allem Verständnis für die Notwendigkeit eines Einsatzes der Hamburger Polizei zur Abwendung einer Gefahrenlage in der Alsterdorfer Sporthalle, bin ich über den Einsatz entsetzt und habe kein Verständnis für einige der gefallenen Äußerungen der letzten Tage.

Auch fußballinteressierte Jusos aus Berlin haben an der Veranstaltung teilgenommen und haben mir von der unfassbaren und nicht nachvollziehbaren Härte der polizeilichen Aktionen berichtet. Nicht zuletzt deshalb möchte ich mich hiermit an Dich persönlich wenden und bitte Dich um eine Stellungnahme.

Wie mir persönlich berichtet wurde und auch in zahlreichen veröffentlichten Augenzeugenberichten nachzulesen ist, gingen die Eskalationen eindeutig von Fans des VfB Lübeck aus, unter die sich darüber hinaus gewaltbereite Fans des HSV gemischt hatten. Dies wurde auch von Polizeikräften vor Ort in der ersten Einschätzung wie auch in verschiedenen Äußerungen nach dem Einsatz bestätigt. Dennoch erfolgt mittlerweile, auch in manchen Deiner Äußerungen, zusehends eine Kriminalisierung der anwesenden Fans des FC St. Pauli. Auch wenn einige Anwesende sich gewaltbereit gezeigt haben mögen und dies zu verurteilen ist, halte ich die dauerhafte Kriminalisierung aller St. Pauli-Fans für unerträglich und einer differenzierten Herangehensweise an das Problem „Gewalt im Fußball“ absolut unzuträglich. Ganz im Gegenteil: Die zunehmende Kriminalisierung führt dazu, dass sich alle Fans wie auch der Verein in eine Ecke gedrängt fühlen, die im Ergebnis zu einem erheblichen Vertrauensverlust in die Neutralität von Polizei und Behörden führt. Ich fände es sehr erfreulich, wenn der SPD-getragene Hamburger Senat ohne Pauschalisierungen auskäme und sich stattdessen für eine ehrliche Untersuchung und Beurteilung einsetzen würde.

Eine schonungslose Untersuchung ist nach meiner Auffassung auch im Hinblick auf den erfolgten Polizeieinsatz notwendig. Nach Augenzeugenberichten haben die anwesenden Einsatzkräfte vollkommen überzogen reagiert. Nicht nur Unbeteiligte, auch Kinder und ältere Menschen wurden durch den massiven Einsatz von Schlagstöcken und Pfefferspray (in einer geschlossenen Halle!) verletzt. Die Versorgung von Verletzten wurde durch Polizeibeamte verhindert. Dass sich solche unfassbaren Polizeiaktionen in einem demokratischen Rechtsstaat abspielen können, hätte ich bis dahin nicht geglaubt. Die Tatsache, dass der Hamburger Polizei noch dazu ein sozialdemokratischer Senator vorsteht und die Schill-Zeiten damit eigentlich vorbei sein sollten, wirft einige Frage nach dem Verhältnis mancher Einsatzkräfte zur Rechtsstaatlichkeit auf. Ich hoffe, dass Deine Behörde diesen Einsatz kritisch untersucht und Konsequenzen daraus für künftige Einsätze zieht. An einer ehrlichen Untersuchung des Verhaltens der beteiligten Beamten muss Dir wie dem gesamten Senat gelegen sein.

Vollständig fehlt mir das Verständnis für das Verhalten der Polizei gegenüber rechtsextremistischen, antisemitischen und menschenverachtenden Äußerungen, die von Anhängern des VfB Lübeck in Richtung der St. Pauli-Fans gebrüllt wurden. Diese sind verschiedentlich dokumentiert, allerdings wurde auch im Nachgang zu den Ausschreitungen seitens der Hamburger Polizei erklärt, dass keine Kenntnis über solche Parolen vorlägen, deren Wortlaut ich nicht wiederholen möchte.

Es ist klar, dass solche Äußerungen nicht als Begründung für Gewalt herhalten können. Dennoch ist mir unerklärlich, wie den versammelten Polizeikräften rechtsextremistische und antisemitische Äußerungen „entgehen“ können. Angesichts tagtäglicher Gewalt von Nazis in diesem Land kann es nicht angehen, dass durch „Nichthören“ solche Parolen hoffähig gemacht werden oder zumindest als „normal“ durchgehen. Auch hier scheint mir eine Untersuchung angebracht und die Verfolgung strafbarer Zeichen oder Parolen unabdingbar. Gezielt Schulungen der Polizeibeamtinnen und -beamten könnten überdies weiterhelfen, um künftig rechtsextremistische oder antisemitische Parolen zu erkennen. Angesichts der herrschenden Gewalt von Neonazis gegenüber Menschen, die anders aussehen oder denken, scheint mir der entschiedene Kampf aller Behörden auch in Hamburg notwendig.

Eines ist klar: Gewalt hat mit Fußball nichts zu tun. Klar muss aber auch sein: Die Polizei ist dazu da, Rechtsstaatlichkeit sicher zu stellen und weder mit überzogener Gewalt zu reagieren noch falsche Verurteilungen auszusprechen oder Nazis zu verharmlosen. Ich hoffe, dass Dir und Deiner Behörde eine objektive Untersuchung der Vorfälle rund um die Vorfälle am 6. Januar möglich sind und zugleich, dass Fans in Hamburg künftig nicht mehr unverschuldet Opfer polizeilicher Gewalt werden.

Ich möchte Dich auf die Veröffentlichung dieses Schreibens auf meinem Blog hinweisen.

Mit solidarischen Grüßen

Christian Berg
Juso-Landesvorsitzender Berlin
Mitglied im Landesvorstand der SPD Berlin
Mitglied des FC St. Pauli

18 Kommentare

Eingeordnet unter Fußball, St. Pauli

18 Antworten zu Offener Brief an Michael Neumann zu den Vorfällen rund um den Schweinske-Cup

  1. Ian Shokati

    Danke für diesen offenen Brief. Leider kenne ich schon die Reaktion, nämlich Keine. Die SPD in Hamburg ist genauso ein Club wie die CDU und Schill-Partei in Hamburg war. Verlogen!

    Dennoch Danke für Nichts.

    Vollkommend enttäuschter

    Ian

  2. Georg Mathiszig

    Danke, für diesen Brief an den Hamburger Innensenator. Für die, die dabeigewesen sind, und die jetzt von der Polizei und dem Innenminister als Gewalttäter abgestempelt werden, ist es gut zu erfahren, dass es auch solche Stimmen gibt. Ich hoffe, der Herr Neumann wird Ihnen antworten. Ich habe Ihm, als Vater zweier von der Polizei verletzter Kinder geschrieben. Eine Antwort habe ich nicht erhalten.
    Mit Gruß nach Berlin
    Georg Mathiszig

  3. Danke! Auch ich war mit den Berliner genossInnen vor Ort. Der Einsatz wär wie in Dresden zum 18.februar 2011 – provozierend, eskalierend, die falschen schützend. Peinlich. Traurig. ber typisch für die Hamburger Polizei.

  4. Sehr geehrter Herr Berg,

    vielen Dank für diesen offenen Brief, der bei nüchternerner Betrachtung eben genau das darstellt, was Augenzeugen berichtet haben. Aber diese Fakten scheinen weder bei der Hamburger Polizei (bzw. der Gewerkschaft der Polizei) noch in den entsprechenden Medien von interesse (gewesen) zu sein. Viele Medien haben einfach nur die von der Polizei veröffentlichten Fakten übernommen, die (wie die Polizei ja mittlerweile selber revidiert hat: http://www.sport1.de/de/fussball/newspage_505416.html ) wohl nicht ganz der Tatsache entsprachen bzw. wohl ziemlich einseitig dargestellt wurden.

    Da lob ich mir eine Arbeit wie von dem Herrn Raecke: http://www.sportal.de/sportal/generated/kommentare/2012/01/10/21560800000.html, der eben seine ARBEIT als JOURNALIST macht und nicht nur dummdreist die vorgefertigten Meinungen und Texte von jemand anderem übernimmt.

    Dazu dann noch die Forderung, das Herr Orth (bzw. Herr Brux) de facto abgesäbelt wird für eine Aussage, die einfach nur aus dem Zusammenhang gerissen wurde. Hmm, ich meine mich zu erinnern, das es doch letztens schon eine Diskussion gab bezüglich einer rechtsradikalen Gruppierung, die unter Beobachtung des Verfassungsschutzes stand und trotzdem munter weiter agieren konnte. Dort wurde genau so viel (oder besser: genau so wenig) getan wie in dem Fall “Alsterdorfer Sporthalle”, bei dem die “Szenekundigen Beamten” auch nichts besseres zu tun hatten als den “grüßenden” Mob gepflegt den Rücken zuzudrehen und den Pauli-Block in AUgenschein zu behalten. Wie kann es in dem Zusammenhang eigentlich angehen, das “Kategorie-C-Fans”, die bundesweites Stadionverbot genießen dürfen, trotzdem an Karten für ein so brisantes Turnier kommen konnten? Zugegeben, die Aussage im Wortlaut lässt interpretationsspielraum und auch St. Pauli hat nicht immer nur “Fans”, denen es um Fussball geht, aber wie denn sonnst? Den Finger heben und verächtlich “dududu” rufen….???? Enschuldigung, ich schweife ab…

    Passend dazu noch ein Link: http://www.magischerfc.de/wordpress/?p=6025
    Auch hier (wenn auch recht direkt) wird eindeutig klar, das es eben nicht die “Gewaltbereiten Fans des FC St. Pauli” waren, die den ersten Stein geworfen haben, sondern es vorher Provokationen seitens der Lübecker “Fans”(ob man solche IDioten überhaupt so nennen darf?) gab. Das ist Fakt und jeder, der etwas anderes behauptet, war entweder nicht dabei oder hat bewusst die Wahrheit verdrängt!

    In diesem Sinne: Ich würde mich freuen, wenn Herr Neumann zu Ihrerm Brief Stellung bezieht und auch (wie heißt es so schön) “den Arsch in der Hose hat”, diese öffentlich zu machen….

    Mit besten Grüßen
    Sascha Reinhold

  5. Anonymous

    die achso armen St. Pauli Fans… immer unschuldig

    • Anonymous

      Ach wie mutig, sich anonym einen verächtlichen Kommentar abzudrücken!

      Danke für den Brief, der Faktenwissen enthält und nicht nur mit den ganzen Halb- bis Unwahrheiten gespickt ist, die seit den Vorfällen des letzten Wochenendes im Umlauf sind. Als Fan und Mitglied des FC St.Pauli bin ich froh über jede Form nicht abgeschriebener Berichterstattung.

      Weiter so, Forza, Frank Hopfe

  6. Thomas Peters

    Sehr geehrter Herr Berg,
    ich möchte mich herzlichst für Ihr Bemühen und Ihr Schreiben bedanken. Auch ich hege die Vermutung, daß keine Antwort kommen wird. Und das sich an der Repression gegen Fußballfans sich nichts ändern wird. Aber trotzdem Danke.

    @Anonymous:
    Ich möchte jetzt nicht beleidigend werden, aber aufgrund Ihres Kommentars schließe ich daraus, daß a) Sie noch Minderjährig sind und/oder b) Ihre Bildung aus der Bild-Zeitung haben und/oder c) es einfach NICHT VERSTANDEN haben, worum es im Großen und Ganzen geht und Sie einfach nur die Anti-Fc-St-Pauli-Brille aufhaben? Einfach mal über den Tellerand gucken und denken! Auch in Stellingen, Rostock, Dortmund oder sonstwo. Es tut nicht weh.

  7. pat sechelmann

    danke. – würde mich freuen über die reaktion zu erfahren, wenn das geht

  8. Marko

    Danke für diesen offenen Brief!

  9. Pingback: CENTRO SOCIALE » Blog Archive » die tagesnotizen

  10. Heinz Lindemann

    Extremismus muß mit RECHSSTAATLICHEN Mitteln entgegengetreten werden, rechts wie links!
    Daß die sogenannten ANTIFAs in blinder Hassliebe den braunen Mob aufwerten, ihm durch eigene Chaoten wie Genossen Sven Brux unverdiente Sympathie unbedarftet Bürger zuschanzen – ist einfach DUMM!
    Manch einer tresägt seine rotlackierte Glatze INNERHALB des hohhlen Schädels!
    Agittation und Propaganda, das war Ulbrichts und Mielkes Geschäft auf dem Fussballplatz!
    Sport ist schön – “auf dei Lübbe haun! – däää iss bestimmt NAZI…” einfach nur widerlich!

  11. Markus, St.Pauli Fan

    Egal ob rechts und links, Gewalt hat im Fussball nix zu suchen – nochmal: es geht um ein Hobby..ok auch ein bissl Religon und Lebenseinstellung…aber dennoch ist dies ein freies Land..achso Gewalt allgemein ist dumm!

    Rivalität ist auch i.O. aber nur verbal! Dont touch! und dont greife Unbeteiligte an..

    Schubladendenken ist doch ja aber auch allgemein sehr beliebt: alle St.Pauli Fans sind… alle Rocstock Fans sind….dsilke !

    Was an diesen Geschehnissen wohl eindeutig klar geworden ist: die Polizei benötigt dringend Hilfe um wirklich deeskalierend zu sein. Klar ist aber auch: ein Polizist ist eher rechts als Links, denn es geht um Recht und Ordnung ! Deshalb müssen die Polizisten genau dort geschult werden: Thema: Neutraleres Umgehen mit Zivilisten!

    Aber ich muss dem einem Vorredner Recht geben, es wird sich nichts ändern, sondern im Gegenteil es wird immer schlimmer werden, dei Menschen werden gewaltebereiter, radikaler, die Polizei korrupter und irgendwann auch gewaltbereiter und die Steuern werden auch nicht gesenkt sondern erhöht und rente bekommen wir auch nicht mehr, wenn wir mal alt sind…also wird es irgendwann so aussehen wie in Amerika oder Südamerika jetzt schon..welcome in the future !! Ich hoffe meine Toichter wird nicht mal drunter leiden, sonst laufe ich Amolk!

    In diesem Sinn

    Enjoy the day!

    Markus

  12. Anonymous

    Ein Blinder spricht von der Farbe!

  13. good and great article thanks very much …

  14. Anonymous

    Bewahre die Freiheit, sich gerade zu machen.

  15. Pingback: Fragen nach dem Auftritt des Innensenators « Metalust & Subdiskurse Reloaded

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